· 

20. Zwergentunnel

Bild von Franz Bachinger auf pixabay.com
Ein Licht am Ende des Tunnels

Feucht und kühl begrüßte uns der unterirdische Tunnel, dass mir ein wenig fröstelte. Unsere Augen mussten sich diesmal aber nicht an neue Lichtverhältnisse gewöhnen, denn es wuchsen grünlich leuchtende Pilzkörper an vielen Stellen und auch ihr Myzel, das sich auf dem Felsgrund ausbreitete, sendete Licht aus.

Den Erzählungen zufolge, sollte dieser Gang uns zurück nach Tumunkazor, der Hohlburg, führen, wo wir die Halle des Vermächtnisses finden sollten. Ich war gespannt und voller Vorfreude gab ich das Marschtempo vor, Foret und Olthek folgten mir. Die Metallteile unserer Kleidung und die Waffen klimperten leise nachhallend durch den künstlich geschaffenen Tunnel während wir gingen. Einige Passagen des Ganges waren untermauert worden, weil das Gestein nicht überall die nötige Tragfähigkeit hatte und sich mancherorts auch Risse zeigten, da das Felsgefüge nicht einheitlich war. Auch wenn seit der Erschaffung der Tunnel gut achthundert Jahre vergangen waren, befanden sie sich in einem passablem Zustand. Der Weg war weit, aber wenigstens nicht beschwerlich.

 

Foret begann vor sich hin zu summen, was uns dreien noch etwas mehr Motivation brachte und Olthek und mich in die Melodie einstimmen ließ. Im Gleichschritt des Taktes kamen wir schnell voran. Wie lange wir das so durchzogen, konnten wir nicht messen, aber irgendwann meldete Olthek, dass er für eine Pause wäre. Foret und ich waren einverstanden und wir legten eine Rast auf dem Steinboden ein, unsere Decken nutzten wir als Sitzpolster. Ich aß einen Apfel und trank einen Schluck aus dem Wasserschlauch, an Olthek gerichtet fragte ich: „Was erhoffst du dir von unserer Reise, junger Zwerg?“ Er schaute mich eindringlich und nachdenklich an, schließlich antwortete er. „Seitdem ich denken kann, war ich rastlos, streifte als Kind durch die Stadt, erkundete die Oberwelt rund um dem Hartfels und schloss sogar eine Art Freundschaft mit einem Bergtroll. Mich reizt das Neue und Unbekannte.“ Sein Blick verlor sich bei den Worten in der Ferne. „Ich glaube, genau aus diesen Gründen ist es nur richtig, dass du nun mit uns unterwegs bist. Mein Antrieb ist es, meine und unsere Vergangenheit ans Licht zu bringen sowie das Schicksal der verlorenen Zwerge zu ergründen. Wir werden uns gut ergänzen.“, erklärte ich ihm meine Beweggründe. „Ich war es leid, allein in einer verlassenen Stadt herumzusitzen und mit dem Auftauchen von Daril war meine Aufgabe dort erfüllt. Auch mich interessiert es, was aus den anderen Khazâd geworden ist. Deshalb bin ich dabei.“, beteiligte Foret sich am Gespräch. Ich nickte und sprach zu den beiden: „Es tut gut, das nicht allein bewältigen zu müssen. Ihr seid die beste Begleitung, die sich ein Zwerg wünschen kann! Nun auf und weiter, sonst kommen wir nie in Tumunkazor an.“

 

Wir packten zusammen und setzten wieder summend und marschierend den Weg durch die alten Zwergentunnel fort.

Die Art des Gesteins wechselte, mal ging es leicht bergab, seltener stieg der Weg etwas an. Wir gingen vorwärts, bis Foret mich von hinten anrempelte. Er war vor Müdigkeit gestolpert und hatte mich im Fallen erwischt. Mit Gegrummel richtete er sich wieder auf „Entschuldigung. Hatte gar nicht bemerkt, wie müde ich bin.“, bat er um Verzeihung. Natürlich war ich ihm nicht böse und schlug vor zu rasten und zu schlafen. Olthek war einverstanden, die erste Wache zu übernehmen, denn wir wussten ja nicht, ob es Gefahren in den Tunneln geben könnte. Ich erklärte mich bereit, als zweiter aufzupassen. Foret war demnach als letzter dran und durfte erst einmal schlafen.

Meine Decke war tatsächlich so weich, wie ich es vorher nur erahnen hatte können. Ich kuschelte mich ein und war schnell eingeschlafen. Irgendwann weckte Olthek mich und ich übernahm die Wache. Er wusste nichts Ungewöhnliches zu berichten und legte sich zur Ruhe. Auch ich hatte ein ruhige Zeit, während ich in das Zwielicht des Untergrundes blickte. Meine Gedanken streiften durch meine Erinnerungen und ich fragte mich, wie es der Familie Ubert in Birnai wohl gehen mag, wo Erik doch im Krieg war. Ich nahm mir vor sie zu besuchen, sobald ich die Möglichkeit haben würde. Als mir die Augen wieder begannen zuzufallen und ich mich kaum noch der Müdigkeit erwehren konnte, weckte ich Foret, damit er seinen Wachdienst aufnehmen konnte. Wie immer reagierte er beim Wecken etwas mürrisch, trat seine Wache aber an und wünschte mir noch etwas Erholung. Im Nu schlief ich wieder ein, nachdem ich die Decke wieder um mich gewickelt hatte.

 

Foret schien geduldig gewesen zu sein, denn ich wurde erst geweckt, als Olthek gerade von allein aufgewacht war. Obwohl wir auf dem Felsboden des Tunnels geschlafen hatten, waren wir doch recht ausgeruht. Gemeinsam nahmen wir ein kleines Frühstück ein und setzten unsere Reise fort, nachdem wir unsere Sachen wieder zusammengepackt hatten. So ging es unserer Empfindung nach mehrere Tage lang, denn das Sonnenlicht bekamen wir ja nicht zu Gesicht. In dieser Zeit verlief alles ruhig und wir kamen gut voran, bis der Tunnel in eine größere Höhle mündete.

Nur an wenigen Stellen wuchsen hier Leuchtpilze, unsere Sicht war daher eingeschränkt. Ein Glück, dass wir als Zwerge nur wenig Licht benötigen, um etwas erkennen zu können.

Der Felsdom war nicht sehr spektakulär. Sein Boden war größtenteils geebnet worden. Selbst ein Mensch hätte hier problemlos mit Kopffreiheit stehen können, zu dritt konnten wir hier bequem nebeneinander gehen. Die Mitte der Kaverne fanden wir einen zwergischen Wegstein, dessen Runen bei Berührung bläulich aufleuchteten. Drei mögliche Richtungen wurden uns angezeigt. Mebel’aban, woher wir gerade kamen, Tumunkazor, dort wollten wir hin, und nach links sollte es nach Kallâ Atâr gehen. Ich erinnerte mich daran, den Namen dieses Ortes auch auf dem Wegstein außerhalb Takal Dûms gelesen zu haben. Wie wir es bereits vor der Abreise im Hartfels besprochen hatten, blieben wir auf dem Weg zur Hohlburg, Die „Kalten Tunnel“ würden wir später besuchen.

Wir rasteten ausgiebig und freuten uns gemeinsam darüber, ein zwergisches Stück Kultur gefunden zu haben, auch wenn es sich nur um einen Wegweiser handelte. Der Marsch wurde gutgelaunt fortgesetzt, als wir uns gestärkt hatten.

Es vergingen wiederum einige Tage ohne Zwischenfälle, bis ein Haufen Geröll uns den Weg versperrte. Der Tunnel war eingestürzt und endete deshalb abrupt. Mit Olthek und Foret beriet ich mich, ob wir versuchen sollten, den Schutt beiseite zu räumen. Wir entschieden uns dafür und begannen unverzüglich mit der Arbeit. Foret hatte eine Schaufel mit kurzem Stiel bei seiner Ausrüstung, Olthek und ich benutzten unsere Hände, um die größeren Brocken wegzuräumen. Nach einiger Zeit waren wir schon ein paar Schritt weit vorangekommen, es rutschte Erde nach und plötzlich standen wir halb im Freien. Es regnete leicht und das gelockerte Erdreich verwandelte sich schnell in Schlamm. Es war Tag, auch wenn der stark bewölkte Himmel die Sonne fernhielt.

 

Wir drei Zwerge zogen uns wieder in den Tunnel zurück und wollten das Ende des Regens abwarten. Zu weit entfernt von Tumunkazor sollten wir nicht mehr sein, nahm ich an. Irgendwo in den großen Waldgebieten, die sich von Finnland bis weit nach Russland hinein zogen, mussten wir uns meiner Einschätzung nach befinden. Vermutlich hatten wir bereits den größten Teil der Strecke zu unserem jetzigen Ziel zurückgelegt.

Der Regen schien nicht aufhören zu wollen und so langsam lief das Wasser auch in den Tunnel hinein. Es gab nur wenige Stellen, wo es versickern konnte und deshalb nahmen wir noch weiter Abstand von der Einsturzstelle. Die Gegebenheiten nutzen wir für eine weitere Ruhepause, weil wir alle keine Lust hatten, nass zu werden. Zwischendurch döste ich weg, der Klang der Tropfen machte mich müde. Ich schreckte hoch, als Olthek mich rüttelte. „Die Sonne scheint, Herr Daril. Sollen wir uns draußen umsehen?“ Er streckte die Hand aus und half mir aufzustehen. „Dann schauen wir uns das Ganze mal an.“, motivierte ich mich selbst und ging voran.

Wir kletterten gemeinsam über den Geröllhaufen nach draußen. Der Tunnel schien über eine längere Strecke komplett eingebrochen zu sein. Die Trümmer waren mit Moos bewachsen, aber wir konnten den Verlauf des Ganges gut nachvollziehen. Er lief an einer Felswand entlang, wo sich der noch intakte Teil unauffällig anschmiegte. Womöglich waren die Erbauer ein Stück zu weit von den Felsen abgekommen, den Tunnel freizuschaufeln, konnten wir jedenfalls vergessen.

 

Kurzerhand folgten wir dem zerstörten Stollen, wir konnten ja versuchen, uns wieder an einer Stelle in ihn hinein graben, an der er wieder intakt erschien. Wir genossen die Sonne, die frische Luft und das Rauschen der Blätter und setzten unseren Weg nun oberirdisch fort. Ich hoffte nur, nicht auf Menschen zu treffen, da ich ja wusste, dass gerade wieder Krieg geführt wurde.

Es handelte sich um ein längeres Stück Weg außerhalb der Tunnel, als ich erwartet hatte, aber schließlich endete die Fläche moosbewachsenen Gerölls rechts neben uns am Fuße eines Hügels. Olthek und ich begannen, die größeren Brocken wegzuräumen, Foret schaufelte den störenden Dreck beiseite. Recht schnell hatten wir uns soweit vorgearbeitet, dass ein Durchlass entstanden war, durch den wir nacheinander schlüpfen konnten. Gerade als es draußen zum Abend dämmerte, schoben wir das Loch von innen wieder zu, damit uns niemand folgen konnte. Müde und abgearbeitet nahmen wir noch eine kleine Mahlzeit ein und legten uns, wie immer im Wechsel, schlafen. Diesmal übernahm ich die letzte Wache, die wieder einmal ohne Vorkommnisse verlief. Ich weckte Olthek und Foret, als Sonnenstrahlen durch die verbliebenen Lücken im Schutt brachen. „Nun denn, bald müssten wir die Hohlburg erreicht haben.“, ermutigte ich meine Gefährten. Wir packten nach dem kurzen Frühstück alles wieder zusammen und folgten erneut den Stollen, die unsere Vorfahren gegraben hatten. Tatsächlich änderte sich nach viermal Schlafen das Aussehen der Gänge. Natürlicher Fels wich vermauerten Ziegeln, die typisch für Tumunkazor waren, das Ziel war demnach sehr nahe.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0