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Wie viele Leben?

Foto von RitaE auf Pixabay
Jung und alt

 

Eisiger Wind, ein Hügel im Schnee. Einzelne Sterne sind am schwarz-blauen Himmel zu erkennen. Warm gehalten von Tierfellen ziehe ich einen Tierkadaver hinter mir her. Vor mir zeichnet sich der kleine Hügel im Weiß der Kälte ab. Schweren Schrittes stapfe ich mit meiner Last darauf zu. Den jungen Hirsch lasse ich kurz davor fallen und krieche in das Iglu. Schnell ist ein kleines Feuer entfacht. Mit einem großen Faustkeil gehe ich wieder raus in die Kälte, um das tote Tier zu zerlegen, das Fell vom Körper zu lösen.

Außer dürre Tiere ist im Winter hier kaum etwas zu Essen zu finden. Ich bin allein unterwegs. Mir ist nicht einmal klar wohin.

Ein Schrei durchbricht meine Gedanken. Ich springe auf, den Faustkeil fest in der Hand schaue ich mich um. Erkenne schemenhaft Gestalten. Ich pirsche mich heran, so lautlos wie möglich. “Komm her, Weib! Zier dich nicht so! Du kannst mir nicht entkommen!”, ruft ein Mann zornig. Ich stürze mich von hinten auf ihn und ziehe ihm die Steinklinge durch die Kehle. Röchelnd sackt er in sich zusammen. Die weibliche Gestalt lächelt mich an. Ich nehme dem Kerl sein Messer ab und begebe mich zurück zu meiner Unterkunft.

Die Frau folgt mir. Soll sie doch. Ich kann ihr nichts bieten.

“Lass mich bei dir schlafen, dorthin kann ich nicht zurück.” sagt sie. Ich nicke nur und setze den Weg fort.

An meinem Unterschlupf angelangt beende ich meine Arbeit an dem Tier, verstaue alle Teile in mit Salz gefüllten Lederbeuteln, um sie haltbar zu machen. Dann lege ich mich zum Schlafen hin. Die Frau legt sich neben mich, wärmt sich wohl an mir. Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich die Wärme eines anderen Menschen so nah an mir. Das wühlt mich auf, mein Herz schlägt schneller. Ihr leises Kichern höre ich nah an meinem Ohr. “Das hast du dir verdient, mein Held.” flüstert sie. Ich verstehe nicht, was sie meint, aber mein Innerstes gerät in Wallung wie nie zuvor. Meine Erinnerung verlässt mich.

Ich erwache irgendwann nackt unter dem Bärenfell. Sie ist immer noch bei mir.

Das Lager breche ich ab, nachdem wir und stärken konnten. Das Dorf in der Nähe wollen wir meiden und den Leuten aus dem Weg gehen. Einen der Ihren hatte ich letzte Nacht umgebracht um ihr Leben zu retten. Die Last trage ich allein, da ich das schon immer getan habe. Sie pflückt hin und wieder Pflanzen, die sie findet und steckt diese in einen Stoffbeutel Sie geht geschickt mit ihrer Sichel um. Als es dunkel wird, mache ich ein Feuer, brate ein Stück Fleisch. Sie kocht einen Sud aus den Kräutern, den sie trinkt. Das Bärenfell wird uns vor der Kälte schützen.

Schnell schlafe ich an ihrer Seite ein, höre noch, wie sie leise Worte spricht, mir über die Seite streicht … 

 

“Halt, bleib stehen!”, doch sie hörte mich nicht nicht. Sie setzt an, über die Straße zu rennen, doch der VW-Bus erwischt sie. Ich renne hin, suche mit den Augen, ob ich eine Telefonzelle entdecken kann. Nein. Mist!

Mir bleibt nur noch, sie in meinen Armen zu halten, als sie ihren letzten Atemzug macht. “Ich liebe dich!”, sind ihre letzten Worte.

 

Ich erwache. Sie liegt neben mir schlafend im Bett. Alles ist gut, sie atmet gleichmäßig. Schweißgebadet und irritiert schüttle ich den Kopf, bin froh, im Jetzt zu sein.

 

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